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Der Biologe im Gespräch...

Wenige Wochen nach dem Start von naturpostkarte.de führte Peter Djordjevic vom  WebObserver-Magazin ein Interview mit Silvan Rehberger über seine virtuelle Galerie  wurzelwerk.de.



Silvan Rehberger ist vom Beruf her Biologe. Daß diese nicht nur Käfersammler und Kräuternarren sind, erfahren Sie in unserem heutigen Interview.

Peter Djordjevic: Mit wurzelwerk.de hast du eine Site ins Web gestellt, die eher ein ungewöhnliches Thema anspricht. Was inspirierte dich zu diesem Projekt?

Silvan Rehberger: Das Thema »totes Holz« wird in Naturschutzkreisen seit Jahren sehr intensiv diskutiert und die große ökologische Bedeutung von totem Holz für die Zukunft unserer Wälder ist unumstritten. Vielfach ist allerdings die Illusion von »aufgeräumten Wäldern« noch in unseren »ordnungsliebenden« Köpfen verankert. Mit meinen Naturfotografien von totem Holz wollte ich daher eine in der Diskussion vernachläßigte Seite ansprechen: Die ästhetische Dimension von totem Holz. Totes Holz ist, wenn man einmal genauer hinschaut, einfach wunderschön!

Für die Site wurzelwerk.de habe ich aus meinem umfangreichen Archiv Fotografien aus einem Schweizer Bergwaldreservat ausgesucht, wo der Wald sich seit Jahrzehnten frei und ungehindert entwickeln kann, ohne daß Bäume geschlagen oder von Stürmen oder Blitzen umgestürzte Bäume aus dem Wald entfernt werden. So bietet sich hier eine besonders eindrucksvolle, vielfältige Palette faszinierender Farben und Formen.

Bei der Gestaltung der Site nahm ich natürlich an, daß dieses Thema nur wenige Leute im Netz ansprechen würde. Um so erfreuter war ich, daß die Site bereits wenige Tage nach Erscheinen den coolspot von web.de erhielt, ohne daß ich groß etwas dafür getan hätte.

Die begeisterten Reaktionen, die ich bekam, stammten zu einem nicht unerheblichen Teil von Personen, die sich mit Naturthemen noch nie auseinander gesetzt haben. Dies zeigt doch eindrücklich, daß natürliche Gestaltungsmuster oft eine universelle Bedeutung haben und es für die Wahrnehmung dieser Ästhetik kein fachliches Vorverständnis braucht.

Wegen des großen Interesses an den Bildern habe ich erst kürzlich unter der URL http://www.naturpostkarte.de/ ein weiteres Projekt ins Netz gestellt, auf der man u.a. auch die Totholzbilder als virtuelle Postkarte verschicken kann.

Peter: »Totes Holz - Lebendige Fantasie«- so ein Untertitel deiner Seite. Welche Rolle spielt Holz in deinem Leben?

Silvan: Holz spielt in der Tat eine große Rolle in meinem Leben. Holz ist zum Beispiel ein faszinierender Werkstoff, der mit seinen zahllosen Farben und Mustern unzählige Einsatzmöglichkeiten bietet. Als Ausgleich zu geistiger Arbeit macht mir das Bauen mit Holz sehr viel Spaß, und die Holzböden in meiner Altbauwohnung schätze ich sehr.

Nicht zuletzt ist Holz auch die Basis von Feuer. Obwohl in der Werbung oft im Sinne der Lagerfeuer-Romantik mißbraucht, ist doch die spezielle Wärme wie auch die Atmosphäre eines Feuers durch nicht zu ersetzen. Holz und Feuer sprechen in uns fast archaische Muster an, seit Jahrtausenden durch gemeinsame Erlebnisse in uns verwurzelt. Kulturelle und technische Revolutionen legen sich allenfalls über solche Muster, ohne unsere Empfänglichkeit für sie auslöschen zu können - zum Glück :-))

Peter: Du bist von der Ausbildung her Biologe. Die meisten Leute sehen darin einen Menschen, der Schmetterlingen hinterher läuft oder gar Froschschenkel begutachtet. Sage doch bitte unseren Lesern, daß ein Biologe weit mehr kann!

Silvan: Gerne :-)) Früher oft als Käfersammler und Kräuternarren verspottet hat sich das Bild der Biologen in der Gesellschaft heute leider in genau die andere Richtung - die der Biotechnik - verändert, ohne dabei die notwendige Differenzierung erreicht zu haben.

Was früher die in grün herumlaufenden Zoologen und Botaniker als Typus Biologicus waren, sind heute die den Laborratten nicht unähnlichen Reagenzglassklaven, die überspitzt gesagt Tag und Nacht dabei sind, Schafe, Affen oder Frankensteine zu klonen.

Auch wenn es für mich sicher ist, daß der E-Trend schon in wenigen Jahren durch die Bio-Economy abgelöst wird, wage ich zu bezweifeln, daß das aktuelle und zukünftige Herumbasteln an unseren eigenen genetischen Bauplänen genau so erfolgreich sein wird wie das Programmieren am Linux-Kernel oder dem Löten an Platinen.

Solange wir von künstlicher Intelligenz bei Maschinen noch weit entfernt sind, ist das Basteln an technischen Systemen recht gefahrlos. Wenn etwas nicht funktioniert, werfen wir es halt weg oder löschen es... Unser Basteln an Bauplänen von Lebewesen gleicht aber mehr einem Steinzeitmenschen, der mit dem Faustkeil auf einen komplexen Prozessor einschlägt.

Wir verändern Codes, die wir nicht verstehen und setzen veränderte Lebewesen frei, die unsere nur einmal vorhandene Umwelt irreversibel verändern. Eine Delete-Taste gibt es für die lebendigen Vorgänge auf unserer Erde nicht.

Deswegen wäre es mir auch lieber, wenn Biologen eher in ganz anderen Zusammenhängen in der Gesellschaft Aufmerksamkeit wecken würden, denn ihre breiten Qualifikationen wären dazu nicht ungeeignet. Klassische Kompetenzen von Biologen liegen nämlich zum Beispiel im Bereich von Gleichgewichten, Systemtheorie oder Prozeßverständnis.

Hier handelt es sich um universell einsetzbare Modelle, Vorstellungen und Wissen um Muster und Prinzipien, mit denen im Naturschutz genauso gut gearbeitet werden kann wie in der Produktionssteuerung, Werbung, Kommunikation oder anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Viele der euphorisch als geniale Management-Theorie (TQM, KVP und wie sie alle heißen) verkauften Ideen sind nur naive und beschränkte Spezialfälle von Jahrmillionen alten natürlichen Prinzipien wie z.B. Evolution und Selektion und entlocken einem fundiert ausgebildeten Biologen nur ein müdes Lächeln.

Auch das Denken in verschiedenen System-Ebenen, in vernetzten Wirkungsgefügen und dynamischen Modellen, die anstatt einen Ist-Zustand abzubilden die Veränderlichkeit von Systemen aufgrund unterschiedlichster Faktoren sehen, ist für viele Biologen selbstverständlich. Kein Wunder, daß Consulting-Unternehmen die strategisch-analytischen Fähigkeiten vieler Biologen inzwischen gerne für sich nutzen.

Peter: Aber Silvan Rehberger stöbert nicht nur im Unterholz. Wie aktiv bist du im Netz und gibt es noch andere Projekte?

Silvan: Ja, es gibt noch andere Projekte :-) Da wäre als recht bekanntes Beispiel die  [i-worker]-Diskussionsliste für Internet-Professionals, die ich gemeinsam mit anderen i-worken moderiere. Mit mehr als 1000 Mitgliedern ist sie eine sehr lebendige deutsche Mailingliste.

Aber auch an dem  Netzschule-Projekt bin ich als einer von mehreren Comoderatoren schon länger aktiv beteiligt.

Daneben gestalte ich auch Seiten für Naturschutzorganisationen, zum Beispiel das  Naturschutzzentrum Aletsch der Schweizer Organisation Pro Natura und arbeite parallel im journalistischen Bereich für einen Internet-Newsdienst. Aktuell stelle ich gerade ein integriertes Redaktionssystem auf PHP/mySQL-Basis für ein Projektbüro des WWF Deutschland fertig, mit der eine Zeitschrift ins Netz gebracht wird. Mehr über diesen Tätigkeitsbereich unter  www.rehberger.it oder  www.youngbrain.com

Peter: Dein positivstes Erlebnis im Web?

Silvan: Oh, da gibt es eine ganze Reihe! Zu den positivsten zählen allerdings die verschiedenen, zum Teil sehr intensiven Freundschaften, die sich über die Jahre im Netz entwickelt haben.

Es ist schön, daß abseits der harten kommerziellen Zwänge im Netz eine Existenz auf der Basis von Freundschaften, Kooperation und gegenseitiger Hilfe möglich ist. Und ich hoffe, daß diese Tugenden auch im Zuge der Entwicklung des Internets in Richtung Massenmedium nie vollkommen untergehen werden.

Peter: Deine negativste Erfahrungen im Web?

Silvan: Spontan fällt mir da nicht viel ein. Wenn man einmal davon ausgeht, daß im Web auch nicht unbedingt nettere Menschen als sonst in der Welt unterwegs sind, gibt es eigentlich wenig Negatives, was sich speziell auf das Web beziehen läßt. Nicht ganz trivial ist allerdings meines Erachtens die Gefahr, über reine ASCII-Kommunikation schwerwiegende Mißverständnisse auszulösen, die durch Gestik, Mimik oder wenigstens den Tonfall bei direkterer Kommunikation intuitiv vermeidbar sind. Es ist schade, wenn man als Listenmoderator hin und wieder vor der Aufgabe steht, aus solchen Mißverständnissen heraus eskalierten Streit zu schlichten.

Peter: Silvan, wie sehen deine weiteren Pläne aus?

Silvan: Momentan steht für mich die Vollendung meiner wissenschaftlichen Arbeit auf dem Programm, in welcher ich mich mit vegetationsdynamischen Fragen in den Schweizer Alpen befasse. Mich interessiert dabei unter anderem der Einfluß von natürlichen Störungen in Ökosystemen, zum Beispiel auf die Artenvielfalt und ähnliches.

Peter: Silvan, noch einen Schlußsatz bitte für unsere Leser

Silvan: Schließen möchte ich mit einem etwas bösartigen Satz zu den neuen Medien: »Multimedia ist die Kunst, Wirklichkeit durch Metaphern zu ersetzen...«

Als Biologe halte ich es für wichtig, daß wir nicht die reale Umwelt und Natur vergessen, welche uns bis heute ernährt, allen virtuellen Welten zum Trotz. In diesem Sinne hoffe ich, auch mit dem einen oder anderen Webangebot die Surferinnen und Surfer umgekehrt anzuregen, mal wieder den Schritt auf die nahe gelegene Wiese oder den benachbarten Wald zu wagen.

So sehr mich das Internet als neues und offenes Kommunikationsmedium begeistert, kann es doch immer nur kleine Ausschnitte dessen abbilden, was draußen in der freien Natur an Erfahrungen und Erlebnissen möglich ist ;-)

Peter: Silvan, vielen Dank für diese kleine »Biologiestunde«. Mit Sicherheit hast du bei unseren Lesern Interesse geweckt, die Natur mit anderen Augen zu betrachten.

Das Interview wurde von Peter Djordjevic am 24. Juli 2000 per Email geführt, und im  WebObserver-Magazin veröffentlicht.





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© 1999 by Silvan Rehberger, Freiburg im Breisgau.